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Climb for Climate

Im Sommer dieses Jahres widmeten sich Danny Uhlmann und Peter Sandahl der Aufgabe, für den Klimawandel zu sensibilisieren. Ihr Ziel bestand darin, während eines Zeitraums von 100 Tagen 82 Gipfel mit einer Höhe von mehr als 4.000 Metern in den europäischen Alpen zu besteigen. Alles, um für die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere alpinen Umfelder und die umgebenden Ökosysteme zu sensibilisieren. Zwar schafften sie es nicht, alle 82 Gipfel zu erreichen, doch ihre ursprünglichen Ziele übertrafen sie bei weitem.

Inzwischen ist ihre Mission abgeschlossen, aber das folgende Interview fand gegen Ende der Initiative „Climb for Climate“ (Klettern fürs Klima) statt. Deshalb verwendet ein Teil des Inhalts die Gegenwartsform, obwohl die beiden ihre Reise vor kurzem abgeschlossen haben. 

Worum geht es bei Climb for Climate?

Es ist eine 100-tägige Initiative, die ins Leben gerufen wurde, um für die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere alpinen Umfelder zu sensibilisieren und zu klimafreundlichem Handeln zu inspirieren und dieses voranzutreiben. Im Mittelpunkt der Initiative steht unser Versuch, innerhalb dieser 10 Tage sämtliche 82 Viertausender der Alpen zu besteigen.

Wie bzw. warum entstand die Idee zu Climb for Climate?

Wir lieben die Berge und teilen die starke Leidenschaft, diese Umgebungen zu bewahren und sicherzustellen, dass Mensch und Natur auf nachhaltige Weise Seite an Seite leben können. Während unserer vielen Jahre in den Alpen, der Antarktis und anderen alpinen Gebieten haben wir hautnah die dramatischen und verheerenden Auswirkungen miterlebt, die ein wärmerer Planet auf diese Umgebungen hat. Die Initiative Climb for Climate ist unser Weg, diesen Landschaften, die uns so sehr am Herzen liegen, etwas zurückzugeben und zu helfen, sie für künftige Generationen zu bewahren, damit diese sich genauso an ihnen erfreuen können wie wir.

Was ist das Ziel/Ergebnis der Initiative?

Die Alpen sind nicht nur ein wunderschöner und majestätischer Ort. Sie gehören auch zu den Orten, an denen die Auswirkungen des Klimawandels am offensichtlichsten erkennbar sind – auch für das ungeschulte Auge. Es steht deutlich mehr auf dem Spiel, als nur ein paar Skitage im Jahr zu verlieren. Ein komplettes Ökosystem wird Störungen unterworfen. Gletscher schmelzen rapide, die Schneedecke nimmt ab und der Permafrost schmilzt, was die Berge buchstäblich auseinanderfallen lässt. Dies geschieht jetzt mit immer alarmierender Geschwindigkeit und schwerwiegenden Folgen für viele Menschen, nicht nur diejenigen in der unmittelbaren Umgebung. Durch die Initiative Climb for Climate wollen wir für diese Wirkungen und für die Folgen sensibilisieren, die entstehen werden, wenn wir nicht handeln. Außerdem wollen wir zu Veränderungen auf allen Ebenen inspirieren, indem wir demonstrieren, was Menschen, Unternehmen und Organisationen im Großen wie im Kleinen tun können, um einen positiven Ausgang für die Erde zu unterstützen. Das Ziel, binnen 100 Tagen erfolgreich die 82 Viertausender zu besteigen, ist sekundär. Erfolg oder Scheitern der Initiative Climb for Climate hängen nicht von unserem Erfolg in den Bergen ab, obwohl dieser eine wichtige Rolle dabei spielt.

Warum liegt der Fokus auf 82 Gipfeln in 100 Tagen?

Zunächst einmal ist Bergsteigen eine Möglichkeit, unser Publikum tief ins Herz der Alpen zu mitzunehmen, einerseits, um zu zeigen, wie wunderschön diese Landschaften sind, aber auch, um konkret die verheerenden Auswirkungen zu zeigen, die ein wärmerer Planet auf diese Landschaften und die Menschen hat, deren Lebensunterhalt von diesen Ökosystemen abhängt. Warum wir die Alpen gewählt haben? Wir glauben, dass etwas, das dichter dran ist, sowohl emotional als auch geografisch, leichter nachempfunden werden kann. Da sich unser Hauptpublikum in Europa befindet, sind die Alpen eine logische Wahl und ein Ort, zu dem viele Menschen eine Beziehung haben. Die 82 Gipfel in einem „Schub“ oder einer Saison zu besteigen, ist eine der ultimativen Herausforderungen für Alpinisten und etwas, das viele Alpinisten in aller Welt anzieht – auch uns. Es ist ein logistisches Schachbrett, das die geistigen und körperlichen Fähigkeiten ausreizt und umfangreiche Bergsteigkenntnisse und letztendlich eine gehörige Portion Glück mit Wetter und Gesundheit erfordert.

Climb for Climate

Links: Peter Sandahl ist ein schwedischer Bergsteiger mit Wohnsitz in Stockholm, Schweden. Er hat geraume Zeit in den europäischen Alpen verbracht, und die Bewahrung unseres alpinen Ökosystems liegt ihm sehr am Herzen. Sein sehnlicher Wunsch ist es, dazu beizutragen, dass Mensch und Natur auf nachhaltige Weise existieren können. Rechts: Danny Uhlmann ist ein amerikanischer IFMGA/UIAGM-Bergführer und lebt im französischen Chamonix. Er hat sich eine Karriere mit Gruppen- und Einzelführungen in aller Welt aufgebaut, insbesondere der Antarktis, wo er mitgeholfen hat, wegbereitende wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Polargebieten zu gewinnen.

 

Haben Sie sich je zuvor einer so großen/ähnlichen Herausforderung gestellt?

Peter Sandahl: Ich habe mich in meinem Leben vielen unterschiedlichen Herausforderungen gestellt, aber an die Reise, auf der wir uns jetzt befinden, kommt nichts auch nur im Entferntesten heran. Es ist ein derartig extremes Unterfangen. Nicht von der technischen bergsteigerischen Schwierigkeit her, sondern was die Länge des Projekts und den daraus entstehenden mentalen und physischen Druck betrifft. In Höhenmetern ausgedrückt entspricht es etwa 15–20 Besteigungen des Mount Everest in 100 Tagen. Das ist keine normale Tätigkeit, und mein Körper erinnert mich jeden Tag daran. Ich werde oft zu den physischen Anstrengungen befragt und wie sich mein Körper anfühlt. Die physische Belastung ist natürlich enorm, und jetzt, in den letzten Wochen der Reise, gibt es nicht mehr viele Stellen meines Körpers, die nicht wehtun. Aber der mentale Stress ist vielleicht noch härter. Es ist nie Zeit, echte Ruhe zu finden. Sobald wir von einem Berg herunterkommen, beginnt die Planung für den nächsten. Ein Ruhetag bringt eine physische Erholung, aber keine mentale. Der administrative Teil des Projekts, auch wenn wir bei den wichtigsten Dingen hervorragend unterstützt werden, in Kombination mit dem Bergsteigen selbst hat sich als größere Herausforderung herausgestellt, als ich mir vorgestellt hatte.

Danny Uhlmann: Ich habe sicherlich viele schwierigere Auf- und Abstiege bewältigt als diejenigen, die wir in unserem Projekt bereits absolviert haben bzw. die noch bevorstehen. Auf Expeditionen in den Himalaya, nach Alaska, Südamerika, in die USA und die Alpen habe ich viel schwierigere Routen bewältigt. Aber man könnte sagen, dass ich nie zuvor versucht habe, so viele anhaltende Anstrengungen über eine solche Zeitdauer zu forcieren Man muss bedenken, dass die allermeisten Routen, die wir gehen oder zu gehen versuchen, am Ende des 19. Jahrhunderts absolviert wurden. Nach heutigen Maßstäben sind sie deshalb nichts Besonderes. Sie bieten uns aber einen Blick zurück in die Geschichte und zeigen, wie knallhart diese ersten Bergsteiger waren. Zudem erfordert die Mehrzahl der Strecken die Beherrschung grundlegender Bergsteigkenntnisse, birgt anhaltende objektive Gefahren und verlangt natürlich ein enormes Durchhaltevermögen. Der herausforderndste Teil des Projekts ist keine einzelne Strecke an sich, sondern die Komplexität, die beste Reihenfolge der Strecken auszuknobeln, um in 100 Tagen so viele wie möglich bewältigen zu können. Zusätzlich müssen wir mit unserer Erschöpfung umgehen und wissen, wann es angemessen ist, ein weiteres Ziel anzusteuern, oder wann es Zeit zum Ausruhen ist. Ich will das jetzt nicht dramatisieren, aber in diesen Bergen haben viele Menschen ihr Leben verloren, und nicht wenigen ist das bei dem Versuch so ergangen, die 82 innerhalb einer künstlichen Zeitspanne zu absolvieren. Deshalb ist unser Hauptziel von Anfang an die Sensibilisierung für den Klimawandel und die Verringerung der Treibhausgase gewesen sowie der Versuch, andere zu ermutigen, ihr Verhalten zum Besseren zu ändern. Vor dieser Reise hatte ich in den vielen Jahren, in denen ich in den Alpen geklettert bin und Führungen gemacht habe, vielleicht 30 von den 82 bestiegen (vielleicht auch weniger, ich habe nicht mitgezählt). Von Menschen, die alle 82 bestiegen hatten, hatten wir auf die Frage, ob sie es für möglich hielten, dass wir es in 100 Tagen schaffen, Antworten erhalten wie „wahrscheinlich nicht“ und „das ist aberwitzig“. Ich persönlich bin ein Optimist und habe es immer für im Bereich des Möglichen gehalten. Es würde also auf unsere Risikotoleranz und vor allem das Wetter und die Bedingungen ankommen. Wir haben nie Abstriche bei der Sicherheit gemacht, denn letztendlich ist nicht das Bergsteigziel das Wichtige (oder sollte es zumindest nicht sein). Es ist nur ein Weg, Aufmerksamkeit auf eine coole Umgebung zu lenken; eine Umgebung, die zufällig der naheliegendste Ort ist, um Uneingeweihten die verheerenden Wirkungen des Klimawandels zu zeigen.

Haben Sie früher schon an anderen Nachhaltigkeitsinitiativen mitgewirkt?

Peter Sandahl: Ich komme aus der Finanzbranche, die eine entscheidende Rolle spielt, wenn wir echte Veränderungen zugunsten des Klimas erreichen wollen. Ich habe daran gearbeitet und mitgewirkt, wie die Branche vorangehen kann, wie die Produkte und Dienstleistungen langfristige Nachhaltigkeit unterstützen können und wie wir es Bankkunden einfacher machen können, nachhaltig zu investieren und ihre Ersparnisse einzusetzen, um Emissionen zu senken. Danny Uhlmann: Nein, ich habe noch nie an etwas gearbeitet, das mit Nachhaltigkeit zu tun hatte.

Wer oder was hatte den größten Einfluss auf Ihre Leidenschaft für den Planeten und das Sensibilisieren für die aktuelle Situation?

Peter Sandahl: Die rapide Veränderung in den Alpen gehört definitiv zu den Dingen, die mir den Ernst der Lage vor Augen geführt haben. Wissenschaftler reden oft darüber, was in 100 Jahren passieren wird. In den Alpen kann ich die Auswirkungen von einem Jahr zum anderen sehen – und sie sind dramatisch. Die Geschwindigkeit der Veränderung ist erschreckend, und diese Umgebungen für künftige Generationen bewahren zu können, ist eine wirklich starke Motivation für mich.

Danny Uhlmann: Ich habe Leidenschaften, würde aber nicht sagen, dass der Klimawandel dazugehört. Es wäre doch eine merkwürdige Sache, für so etwas eine Leidenschaft zu haben. Für mich ist der Klimawandel einfach diese unglaublich traurige Sache, die wir als Menschen mit aller Kraft beschleunigt haben und für die wir werden zahlen müssen, zusammen mit zahllosen Pflanzen- und Tierarten der Erde. Ich habe in der Antarktis viele geologische Studien betrieben und Arbeiten durchgeführt und weiß deshalb sehr gut, dass die Erde selbst kein Problem damit haben wird, sich im Lauf der Zeit wieder zu erholen, was auch immer wir mit ihr anstellen. Die Frage ist eher, wie lange sich die Menschheit halten kann, wie viele Kriege aufgrund der Dürren und Überschwemmungen und der Rohstoffknappheit geführt werden, die wir auf dem Planeten verursachen. Es ist, als würde man zusehen, wie ein geliebter Mensch vorzeitig altert; es ist traurig, und du willst alles tun, um ihm zu helfen. Ich bin in dieser Hinsicht sehr praktisch veranlagt. Mir ist weniger die Leidenschaft wichtig als dass die großen Akteure, Regierungen, Unternehmen und schließlich die einzelnen Menschen andere Entscheidungen treffen, um den endgültigen Ausgang zu verändern. Es wäre zwar sehr romantisch, aber leider kann kein Mensch allein einen großen Unterschied machen. Die größten Veränderungen werden sich vermutlich dann einstellen, wenn wirtschaftlicher und politischer Druck das entsprechende Handeln erzwingt. Wenn zum Beispiel morgen die Regierung das Aus für Gasmotoren nach dem Jahr 2030 verkünden würde, dann würden die Kfz-Hersteller einen Weg finden, um das Problem zu lösen. Und Stromversorger, die alle auf dem freien Markt miteinander konkurrieren, würden sich immer umweltfreundlichere Lösungen einfallen lassen müssen. Und selbstverständlich hat auch jeder Einzelne von uns eine gewisse Handlungsmacht und es sollte uns ein gutes Gefühl geben, die Klimabelastung verringern. Denn es sind die wohlhabenden Bevölkerungen der Welt, die den größten Einfluss haben und pro Kopf die meisten Ressourcen verbrauchen.

Welches sind einige der schwierigsten/unerwartetsten Dinge auf der Reise gewesen?

Das Wetter ist definitiv einer der herausforderndsten Teile gewesen. Wir hatten in den ersten 30–35 Tagen sehr komplexes Wetter und waren gezwungen, unsere Taktik zu ändern und uns mit großem Krafteinsatz durchzuboxen. Die konstante physische und mentale Belastung und die logistische Planung waren nicht unerwartet, aber dennoch sehr schwer zu bewältigen.

Und welcher Aspekt war andererseits am bereicherndsten?

Dass wir mit unserem Anliegen viele Menschen und Organisationen erreichen konnten und all die fantastische Unterstützung, die wir entlang der Strecke erhielten. Und natürlich das Privileg zu haben, Zeit in diesen fantastischen Landschaften verbringen zu dürfen und vielen neuen Menschen zu begegnen, die alle eine Geschichte zu erzählen haben.

Welches sind einige der Erfolgsgeschichten gewesen?

Definitiv, dass Nordea, eine der größten Banken Europas, als Teil der Initiative Climb for Climate beschloss, 7 Mrd. Kronen (rund 700 Mio. Euro) von traditionellen in nachhaltige Investments zu verlagern. Dies wird die CO2-Emissionen um unglaubliche 71.000 Tonnen senken, und 300.000 Kunden werden dadurch eine grüne, klimafreundliche Altersversorgung erhalten. Dies zeigt, dass unsere Initiative auch zu echten Veränderungen beitragen kann, worüber wir uns sehr freuen. Auf der großen Leinwand des Times Square in New York gezeigt zu werden, ist vielleicht kein Meilenstein, aber eine coole Sache, die zeigt, dass unser Anliegen großes Interesse weckt. Ob wir nun alle 82 Gipfel erreichen oder nicht, das Bergsteigprojekt ist definitiv ein Erfolg gewesen. Bislang haben wir über 80 % der Gipfel bestiegen und nur noch ein paar Wochen Zeit. So viele Viertausender in einer Reihe zu besteigen, ist etwas, das nur sehr wenigen Menschen gelungen ist.

Wie können Menschen beitragen und aktiv werden?

Die direkteste Möglichkeit ist unsere Spendenaktion (zu finden unter www.climbforclimate.com). Alle Spenden gehen ausschließlich an Protect Our Winters (POW), eine globale Klimaaktivistenvereinigung, die Lobby-, Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit leistet. Da unser Projekt definitiv befristet ist, ist die Unterstützung von POW eine Möglichkeit, wie wir unseren Einsatz für das Klima verlängern können. Weiterhin besteht natürlich die Möglichkeit, uns in den sozialen Medien (Instagram und Facebook) zu folgen und zu helfen, die Botschaft über unser Anliegen zu verbreiten. Wir wollen eine Bewegung ins Leben rufen und interagieren auf dem Weg mit zahlreichen Menschen und Organisationen.

Gibt es Zukunftsideen/-projekte, die Ihnen auf dieser Reise in den Sinn kamen?

Es gibt ein paar Ideen, aber wir haben noch nichts im Einzelnen besprochen. Wir werden ein paar Wochen Pause machen, bevor wir entscheiden, was wir erreicht haben und wie wir weitermachen. Wir haben eine Menge Interesse und Engagement rund um dieses Thema erlebt. Die Zukunft der Alpen weckt Engagement. Wir sind durch so viele fantastische Erfahrungen bereichert worden, sind so vielen interessanten Menschen begegnet und haben so viel mehr Wissen über die Bedrohungen und Chancen für die Alpen gewonnen. Deshalb wird es auf die eine oder andere Weise ein nächstes Kapitel geben.

Gibt es sonst noch etwas, das Sie mitteilen oder rüberbringen möchten?

Wir möchten uns für all die Unterstützung und Anfeuerung und das Engagement bedanken, die wir entlang der Strecke erlebt haben. Es ist wirklich großartig gewesen! Wenn Menschen Teil eines möglichen nächsten Kapitels sein möchten, Ideen haben, wie wir weitermachen können, oder auch nur Fragen haben, sind sie mehr als willkommen, eine E-Mail an peter@climbforclimate.com zu schicken.